Meine Freundin Carola erzählt mir von ihrer Körpertherapie. Durch die gezielte Fragen der behandelnden Therapeutin und dem damit verbundenen Muskeltest tauchten auf einmal Erinnerungen auf, die sie ‘vollständig vergessen’ hatte, die aber offensichtlich in ihrem Körper bewahrt waren.
Plötzlich fallen mir die Schuppen von den Augen: Unsere Erfahrungen sind gar nicht in unserem mentalen Gedächtnis gespeichert. Da unser Gehirn schöpferisch und kreativ ist, wird dort jede Erfahrung bewertet, verglichen, in bestehende Erinnerungen eingebaut – oder gelöscht. Während unsere ‘Erinnerungen’ hier immer wieder eine neue redaktionelle Fassung erhalten, bleibt der ursprüngliche emotionale Abdruck in unserem Körper gespeichert – und zwar genau so, wie wir ihn in der Situation erlebt haben.
Wenn alle unsere Erfahrungen im Körper aufbewahrt werden, dann erscheinen körperliche Beschwerden und Symptome in einem ganz neuen Licht. Im Spiegel unseres Körpers erleben wir unsere emotionale Geschichte – und den Horizont unserer Möglichkeiten.
Seit Jahren spüre ich die Sehnsucht, an meinem Lebensende bis in jede Zelle hinein lebendig geworden zu sein… Dazu ist es wichtig, in meinem Körper wieder viel freien Speicherplatz zu schaffen – durch die Verflüssigung der im Körpergedächtnis eingefrorenen Erfahrungen.
Früher habe ich mein Denken für die größte Erkenntnisquelle gehalten.
Heute staune ich über die Weisheit meines Körpers – und das Denken dient dem intuitivem Wissen des Körpers.
Ich bin wohl – mit meinem Kopf unterm Arm – in den Körper gerutscht.
Gerade bin ich mit einem Praktikum im Kindergarten, völlig in die Welt der Kinder eingetaucht.
Ich sehe Kinder und ihre Körper, die 1 bis 3 Jährigen haben völlig weiche Bewegungen, ihre Körper sind weich und irgendwie frei fliessend, noch ungeformt. Kinder zwischen 4 und 6 Jahren haben in ihrem Körper schon eine eigene Haltung eingenommen. Ich treffe darin auf ihre Unsicherheit. Es ist spürbar, wie sie mit ihrem Körper mit der Welt in Kontakt treten, ein erster Weg mit der Welt in Resonanz zu treten. Je Älter die Kinder sind, desto mehr spiegelt sich die Beziehung zu den Eltern in der Körperhaltung wider. Ich bin erstaunt über diese Klarheit. Gefühle, die den Kindern Angst machen, möchten sie vermeiden. So formt sich ihre Haltung. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, denn Körper und Gefühl sind die einzigen Kanäle, wie sie Erfahrungen aufnehmen.
Nach nun mehr als ein viertel Jahrhundert therapeutischer Tätigkeit als Physiotherapeut, Chiropraktor und Osteopath teile ich Deine Meinung das viele unserer Erfahrungen und Erlebnisse in den faszialen und bindegewebigen Strukturen des Körpers gespeichert werden.
Angefangen von Gewebeveränderungen deren Ursache traumatisch, pathologisch oder struktuell bedingt sind, bis hin zu emotionalen Traumatas und Einschränkungen innerhalb eines biopsychosozialen Kontextes.
Du schreibst; Wenn alle unsere Erfahrungen im Körper aufbewahrt werden, dann erscheinen körperliche Beschwerden und Symptome in einem ganz neuen Licht.
Das sehe ich auch so. Und ich empfinde es immer noch als Hi-light meiner Tätigkeit wenn ich zu dieser Erkenntnis bei Patienten beitragen kann, ausgelöst erst durch die Lösung von Gewebeblockaden, die dann nach und nach – nach immer mehr, mehr, mehr “Leben” verlangen.
Vielleicht ist es ja eben diese “Sehnsucht bis in jede Zelle lebendig zu werden.
Ich bin sehr dankbar so viel somatisierte Geschichten berühren zu dürfen.
Hier meine momentane Lieblingsdefinition von Gesundheit
Gesundheit: Gadamer 1993
- Gesundheit ist kein Zustand, den man in sich fühlen kann
- Es ist eher ein Zustand von Da-Sein, von In-der-Welt-Sein, von Mit-den- Menschen-Sein
- Man wird erfüllt von den Dingen, um die es im Leben geht
- Es ist der Rhytmus des Lebens, ein permanenter Prozess, in dem sich ein Gleichgewicht wieder herstellt.
@ Matthias
Diese Definition von Gesundheit inspiriert mich total. Sie beschreibt das, was ich unter Lebendigkeit verstehe: In meinem Körper wieder so viel Raum zu haben, dass die Welt in mir Platz hat. Danke
Eine schöne Beschreibung für das Körpergedächtnis und ich danke dafür. Zum einen, weil ich auch damit arbeite oder anders gesagt ich lese im Körpergedächtnis, allerdings über die meine Hellfühligkeit und Hellspürigkeit. Das Körpergedächtnis verrät mir sogar wann emotionale oder Verstandes-Schocks stattgefunden haben. Es verrät mir auch warum ich Schulterschmerzen an den Füssen beheben soll und wenn ich diese Informationen dann mit der Organsprache verbinde – komme ich über das Symptom zum Auslöser und vom Auslöser zur Ursache. Zum anderen habe ich erfahren, dass das Körpergedächtnis bereits ansetzt, wenn sich der Same und die Eizelle vereinen.
Ich persönlich finde es wertvoll Menschen zu treffen (wenn auch virtuell) die ebenfalls dieses Gespür haben.
Mit herzlichen Grüssen
Michael Spars
[...] Im Spiegel Online habe ich heute erfahren, dass sich im Körper eines Baumes seine Umwelt widerspiegelt. Wenn ich dort lese, das wir inzwischen anhand von Zell-Analysen ermitteln können, woher das Holz stammt, dass wir verwenden, dann weiß ich, dass sich in unserem Körper alle Spuren unseres gelebten Lebens wider finden lassen. Auch in unserem menschlichen Körper wird man sicherlich bald nachweisen können, in welchem Umfeld jemand groß geworden ist und welche Einflüsse ihn geprägt haben. [...]