Ich sitze in einem Vortrag und plötzlich fliegen Fragen in den Raum, die mich bewegen:
Wann haben Sie das letzte Mal bei einem Anderen etwas Positives bemerkt – es aber nicht ausgesprochen? Wann haben Sie das letzte Mal über Fähigkeiten, Ideen, Verhaltensweisen von Anderen gestaunt – ohne es ihnen zu sagen? Wann haben Sie sich das letzte Mal Ihre Begeisterung für einen Anderen verkniffen - aus Angst davor, dass er vielleicht übermütig wird, sich für etwas Besseres hält und Sie damit mit Ihrer eigene Scham und Unzulänglichkeit konfrontiert?
Mir scheint es so, als würde das deutsche Auge vor allem Fehler sehen – und sie damit verstärken. Keine Kritik – das ist für viele bereits das Höchstmaß an Wertschätzung und Optimismus. In der Psychologie wissen wir jedoch seit vielen Jahren, dass Wahrnehmung Wachstum erzeugt – ganz gleich, ob sich die Aufmerksamkeit dabei auf positive oder negative Erfahrungen richtet. Alles was wir bewusst wahrnehmen und mit Aufmerksamkeit bemerken, wächst – und bekommt mehr Wirkung.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr für mich in meiner Studienzeit Kompetenz mit Fehlersuche verbunden war. Ob jemand in seinem Fach gut war, hat sich an der Universität vor allem drin gezeigt, ob er auch bei den Besten noch Mängel finden konnte. Differenzierung kannte ich vor allem in der Fehlersuche und Kritik, aber in der Wertschätzung und Stärkung neuer Wachstumsimpulse war sie für mich eher ungewohnt.
Ich habe mich entschieden, meine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was wächst – bei mir und anderen – und dabei jede Chance zur Würdigung und Wertschätzung zu nutzen. Was ich dadurch erlebe ist wirklich erstaunlich:
Irritation – weil positive Resonanz erst einmal ungewöhnlich ist.
Vertrauen – weil wir uns bei Wohlwollen öffnen können.
Öffnung – weil wir durch Gesehen- und Geschätztwerden aufblühen und es gleichzeitig lieben, durch Wahrhaftigkeit in unserem Besten gefordert zu werden.
Wenn wir unseren Schatten umarmen können, können wir wohl auch vorbehaltlos wertschätzen. Ich liebe diese Mitte aus Liebe.
Ich kann es nicht mehr hören, das „Ja aber!“
Ihr Werben für mehr Wertschätzung spricht mir aus dem Herzen. Wertschätzung für unsere Umgebung, die Menschen, die mit uns arbeiten wollen, unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Kinder. Mein Sprach-Bild für diese Haltung ist „Fehlerfreundlichkeit“. Es geht um das Zulassen von Ambivalenzen, die Chance im Scheitern sehen, die andere Seite im Irrtum, das „Ja und auch!“
Den eigenen Schatten umarmen können, freundlich mit den eigenen Fehlern umgehen können, macht uns in der Tat frei, offen und wertschätzend auf Menschen zuzugehen.
Liebe Christiane, ich lese diesen Text und er berührt mich spontan.
Von Euch habe ich es gelernt wert zu schätzen, was für jemanden wie mich, der damit groß geworden ist, immer besonders gut zu sein, gar nicht so eine leichte Übung war.
Jetzt, wo ich beim Lesen wieder daran erinnert werde, wird mir bewußt, wie dankbar ich bin, daß ich es dank Eurer Unterstützung lernen durfte, nicht nur nach Fehlern bei anderen zu suchen sondern mehr und mehr nach den Stärken und den positiven Dingen zu schauen und dies auch mitzuteilen.
Heute ist es ein großer Bestandteil meiner Art zu arbeiten und eine große Bereicherung in meinem täglichen Leben und in den Beziehungen zu den Menschen, die mich umgeben. Dafür möchte ich Dir und auch Birgit-Rita ganz spontan DANKE sagen!