Für eine Kultur des Ausprobierens

Die Stimmen für eine Kultur des Scheitern werden mehr – und lauter. Doch Scheitern wird in Deutschland nach wie vor mit nicht erbrachter Leistung und persönlichem Versagen in Verbindung gebracht. Das macht es fast unmöglich, das Wort mit neuem Leben aufzuladen.

Wir plädieren daher für eine Kultur des Ausprobierens. Seit vielen Jahren beschäftigen wir uns mit Transformationsprozessen. Transformation bedeutet immer auch, auf eine neue Umlaufbahn zu gelangen, die außerhalb der alten Denkstrukturen (Box) entspringt. Sie läßt sich weder über lineares Denken noch über mentales Verstehen finden. Diese neue Umlaufbahn offenbart sich nur im Ausprobieren neuer Bewegungen.

Unser Gehirn fährt von Natur aus auf einem Sparmodus. Das heisst, es verbraucht nie mehr Energie als unbedingt notwendig. Um das Gehirn zu motivieren, sich ins Offene zu wagen und neue Verbindungen zu bauen, braucht es etwas, das viel Zugkraft hat und Sinn macht. Vielleicht ein Projekt, das fasziniert, eine Vision, die bewegt oder eine tiefe Sehnsucht, die ruft.

Wertschöpfen nicht vergessen

Wann immer wir uns aus der Box bewegen, ist das ein hochemotionaler Prozess. Dort, an der Grenze, wartet ein Cocktail von Gefühlen auf uns. Jeder erlebt hier so seine eigene Mischung. Für unser Gehirn ist Neues erst mal anstrengend, auch wenn es Gefühle von Freude und Begeisterung beinhaltet. Anstrengend ist, dass wir Verbindungen zwischen Altem und Neuen aufbauen müssen. Und die neuen Strassen im Gehirn bauen sich erst durch Wiederholung.

Jedes Ausprobieren beinhaltet immer Aspekte, die gut gelaufen sind, und welche, die nicht so gut gelaufen sind. Damit wir aus Erfahrungen eine Hochpotenz machen können, müssen wir beides annehmen – und das sowohl mental, wie auch emotional. Wir haben bei der Auswertung stets darauf geachtet, erst das Positive zu würdigen, bevor wir uns dem Kritischen zugewandt haben. Damit sind wir gut gefahren. So war es möglich, dass der Mut, die Kraft und die Freude am Ausprobieren geblieben sind, und weiter wachsen konnten.

Scheitern gehört auch dazu

Wer sich aus der Komfortzone herausbewegt, geht immer das Risiko ein, dass er auch scheitern kann. Wer schon mal richtig gescheitert ist, weiß dass das nicht zu den angenehmsten Erfahrungen gehört, jedoch das Potential der Freiheit mitbringt. Das Potential muss dann natürlich erst noch ausgepackt werden. Nach einem Scheiterprozess haben wir oft viele Stunden an dem Knochen gekaut. Uns viele unangenehme Fragen gestellt, den ganzen Prozess nochmal abgespult und ihn immer wieder aus anderen Perspektiven betrachtet. Das war viel Fühlarbeit, und hat den Denkmuskel sehr trainiert. Wir sind uns damit oft genug gegenseitig auf die Nerven gegangen, wussten aber stets, dass Genauigkeit sich auszahlt. Die gründliche Auswertung wurde so zur Grundlage für das nächste Ausprobieren.

Jeder Mist ist Dünger

Und dann kommen wir noch zu den Fehlern, die natürlich auch passieren. Sie waren für uns stets Türen zu kreativen Wegen. Die originellsten Lösungen sind uns gekommen, wenn die Hütte brannte und nichts mehr ging. Der Fehler war dann oft ein Sprungbrett, mit dem wir über uns hinausgewachsen sind. Wenn wir heute zurück schauen, stellen wir fest, dass ein großer Teil unser gemeinsamen Arbeit so entstanden ist.

Als wir vor 15 Jahren mit dem gemeinsamen Ausprobieren angefangen haben, hatte es noch nicht die Relevanz, die es heute hat. Mittlerweile geht es für uns alle darum, die alten Umlaufbahnen zu verlassen, und in ein neues Bewusstsein hineinzureifen. Die Jüngeren von uns habe es damit leichter. Wir, die in den 50gern und 60gern geprägt wurden, sind dabei aufs miteinander Üben angewiesen.

Wir machen weiter. Machen Sie mit?

 

Weitere Links

2017 Kreativ scheitern: Warum Fehler und Qualen dazu gehören
2016 Thomas Druyen über die Psychologie des Scheiterns
2016  CV of Failures 
2016 Aus dem Scheitern lernen
2016 Rudolf Wötzel im Interview
2013 Marina Abramovic: Advice to the young
2011 Sascha Lobo im Interview über das Scheitern

4 Kommentare

  1. Pingback: Zukunft gelingt nur miteinander | SONNOS

  2. Stefan Strobel

    18. März 2017

    Ein einziges geändertes Wort und das Thema fällt an eine völlig andere Stelle. Ich bin beeindruckt, von eurer Genauigkeit und Transformationserfahrung im Wort und Tun.

    Dem Plädoyer für eine Kultur des Ausprobierens statt Scheiterns folge ich gerne. „Ausprobieren“ erzeugt Bilder von spielerischem „try and error“, macht Freude und bringt mich in die Handlung. „Scheitern“ dagegen weckt spontan alte Erinnerungen und verursacht mir Magenkrämpfe.
    Sogar beim Schreiben jetzt gerade spüre ich das. Wenn ich mit der Vorstellung von „scheitern„ daran gehe, entsteht ein WirrWarr von Denken, Vorstellungen, Zielen…, das mich am Ende stoppt. Umorientiert auf „ausprobieren“ wird es spürbar leichter und was ich schreiben möchte, formt sich im Tun. Wow, eine wertvolle Erfahrung ist das. Danke.

    Dabei mache ich gerne mit.
    Mal sehen, welche Sprungbretter ich in meinem Mist noch entdecke?

  3. Inga D.O.

    21. März 2017

    Oh ja, ein großer Unterschied liegt da zwischen den Konsequenzen, was das Scheitern betrifft oder Fehler zu machen bzw. zu begehen. Das Ausmaß kann wohl jeder für sich selbst am Besten einordnen. Und ohne Ausprobieren ist es meiner Meinung garnicht ( oder fast nicht) möglich aus der eigenen Komfortzone (oder wie es hier treffend als Box dargestellt und benannt wird) herauszugelangen. Das Ausprobieren wandelt Handlungsunfähigkeit um und sackt in die eigenen Beine, Hände und Füße…auf die Plätze, feeeeertig, los, oder bei drei: 1,2, und 3, Peng (Startschuss) :-)

  4. Christiane Windhausen

    22. März 2017

    @Stefan Strobel: Es geht an dieser Stelle für mich nicht mehr um ein Entweder-oder (ausprobieren oder scheitern). Ausprobieren steht für eine Haltung, die das Scheitern mit umarmt – und all die Gefühlen, die damit verbunden sind. Dort wo es richtig wehgetan hat, habe ich am meisten gelernt. Und gerade dort, wo am Anfang die ‚Magenkrämpfe’ waren, ist die größte Dankbarkeit gewachsen.

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