Zugehörigkeit als Community-Kompetenz

Wie wirken sich unsere frühe Bindungserfahrungen auf Beziehungen aus? Diese Frage hat mich schon während meines Studiums brennend interessiert. Ich staunte, wie viel Gemeinschaft wir brauchen, um unsere Individualität zu entwickeln. Und wie sehr die Art, wie wir heute Kontakte gestalten, davon geprägt ist, wie wir als Kind Zugehörigkeit erlebt haben.

Dann habe ich in Ambition – Wie große Karrieren gelingen über Zugehörigkeit in der Führung gelesen habe. Für die Autorinnen (D. Assig, D. Echter) ist Zugehörigkeit eine Community-Kompetenz. Wirksamkeit und Erfolg stellen sich dann ein, wenn wir anderen Zugehörigkeit anbieten. Zugehörigkeit entsteht für die Autorinnen aus Geben – und nicht aus Habenwollen. Aus der Fähigkeit, positive Resonanz zu erzeugen – durch Ideen, die begeistern, durch Wertschätzung und Würdigung der Anderen.

Für Zugehörigkeit gibt es keinen Ersatz. Sie ist nicht käuflich und muss selbst angeboten und geschenkt werden

Was für ein revolutionärer Gedanke! Vor allem, wenn man – wie viele aus meiner Generation – gelernt hat, sich Zugehörigkeit durch Leistung und Gefälligsein zu ‚erkaufen‘.

  • Wir versuchen, uns über Leistung einen Platz (in Familie, Unternehmen…) zu sichern. Wir denken: Wenn ich reibungslos funktioniere und Leistung erbringe, habe ich ein Recht auf Zugehörigkeit. Das führt dazu, dass wir unsere Gefühle weg- drücken und uns persönlich nicht einbringen. Das reduziert jedoch unsere Wirkkraft, denn so kann sich weder Anziehung noch Bindung aufbauen.
  • Wir tun alles, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wir glauben: Nur wenn wir ihnen gefallen, dürfen wir dazugehören. Dann fallen die unangepassten und kritischen Aspekte unserer Persönlichkeit unter den Tisch. Doch sie sind ein wichtiges Korrektiv für jede Partnerschaft und Gruppe. Und oftmals die Quelle von quergedachten und intuitivem Prozesse in einer Gemeinschaft.
  • Oder wir erzeugen Zugehörigkeit über absichtlich unangepasstes Verhalten. Wir haben das Gefühl: Erst wenn ich negativ auffalle, werde ich wahrgenommen. Daher sorgen wir dafür, dass die Anderen sich entweder um uns sorgen, oder so verärgert oder hilflos sind, dass sie uns nicht vergessen können. In jedem Fall kreisen ihre Gedanken um uns. So binden wir ihre Aufmerksamkeit – wenn auch auf negative Weise.

Mein Studium ist nun schon einen ganze Weile her. Über Bindungstheorien habe ich dort viel gelernt, nicht aber über Zugehörigkeit als Community-Kompetenz. Ich habe immer wieder erlebt, dass sowohl Anpassung als auch Selbstsucht Zugehörigkeit verhindert. Zugehörigkeit wird erst dann möglich, wenn wir sowohl bindungs- als auch einsamkeits- fähig sind. Gemeinschaft braucht also Individualität, um lebendig zu bleiben. Darüber können wir sicherlich von der jungen Generation eine Menge lernen.

Der Weg in ein kreatives Wir öffnet sich, wenn wir anderen Zugehörigkeit anbieten. Wie kann das gelingen? Vielleicht so:

  • Zugehörigkeit entsteht durch positive Resonanz. Dabei geht es nicht um Anpassung, sondern um aktives Handeln. Statt auf die Bestätigung von Anderen zu warten, bringe ich meine Wertschätzung und Anerkennung für sie zum Ausdruck. Dankbar- keit ist eine Brücke ins Wir.
  • Mit jeder Bitte um Unterstützung biete ich Anderen die Möglichkeit zur Zugehörigkeit. Zugehörigkeit wird auch dann möglich, wenn ich meine Unterstützung anbiete. So können wir uns gegenseitig in unseren Potentialen fördern – und kollektive Kreativität kann entstehen. Im Teilen entsteht Mehrwert.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Zugehörigkeit gemacht? Wodurch entsteht sie für Sie? Auf welche Weise bieten Sie Zugehörigkeit an? Ich freue mich auf Ihre Erfahrungen und einen regen Austausch.

6 Kommentare

  1. waltraud aouida

    23. Mai 2013

    Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft habe ich so erlebt, dass man sich in Allem selbst einbringt, also sich nicht „mittreiben“ lassen, sondern seine ehrliche Meinung äußern und mitdiskutieren und nach Lösungen suchen. Andere auch zu Wort kommen lassen und gegenteilige Meinungen auch zu akzeptieren. Das fällt manchmal sehr schwer, doch bedeutet es auch als Mitglied einer Gruppe oder Gemeinschaft ernst genommen zu werden. Es fällt mir persönlich sehr schwer, ein Mitglied einer Gemeinschaft ernst zu nehmen, wenn derjenige sich zu rein gar nichts äußert und die Anderen machen läßt. Das ist für mich nicht akzeptabel und man sollte versuchen auch diese Menschen, die nicht gelernt haben laut ihre Meinung zu sagen, aus ihrer Reserve zu locken. Ich meine, das jeder soviel Potenzial haben sollte, um sich auch in der Gruppe identifizieren zu können.

  2. Christiane Windhausen

    23. Mai 2013

    Zugrhörigkeit anzubieten, indem wir uns hörbar machen, ist immer ein couragierter Akt. Es braucht Mut, in seiner Einzigartigkeit sichtbar und fühlbar zu werden. Dafür brauchen wir einen sicheren Raum, in dem wir Interesse anstatt Vorwürfe erleben, Ermutigung statt Vergleichen. Führungskräfte tragen für die Gestaltung dieses Raumes eine besondere Verantwortung. Gerald Hüther spricht in diesem Zusammenhang von supportiven Führungskräften: http://derstandard.at/1363709239442/Qualitaeten-der-supportiven-Fuehrungskraft

  3. Cordula Rosenfeld

    27. Mai 2013

    Für mich ist die Aussage „Zugehörigkeit ist nicht käuflich und muß selbst angeboten und geschenkt werden“ von nachhaltiger Bedeutung. Auch ich habe leistungsstarke „Muskeln“ im Bereich Funktionieren und Gefälligsein ausgebildet. Aus dieser Kraft heraus schien mir Zugehörigkeit jedoch häufig als etwas, was letztendlich außerhalb meines direkten Einflußbereiches lag. Entweder mein Funktionieren oder Gefälligsein kommt an und darüber entsteht Zugehörigkeit. Oder aber nicht und dann fühle ich mich hilflos und mir bleibt nur die Hoffnung, durch noch mehr Leistung oder Einfühlungsgeschick doch noch den Status der Zugehörigkeit zu erlangen. Ein kräftezehrendes Perpetuum Mobile, daß mich zu allem Übel noch von meinen eigenen Potentialen entfernt.
    Gemeinschaft dagegen, die auf der Kraft der Individualität basiert, schafft eine ganz neue Form von Zugehörigkeit. Zugehörigkeit, die über die bestehenden Grenzen des Einzelnen hinausführen kann und somit Neues ermöglicht. Die Fähigkeit, Hilfe anzubieten und vor allem auch Hilfe zu erbitten haben in dieser Form des Miteinanders eine essentielle Wirkung.

  4. Michael Blochberger

    27. Mai 2013

    Cordula Rosenfeld spricht mir aus dem Herzen. Auch ich erlebe Zugehörigkeit als etwas, für das ich Leistung bringen muss oder selbst Leistung erwarte.
    In meiner Tätigkeit als Chef und Teamleiter habe ich die kreative Vielfalt meiner Mitarbeiter immer geliebt und gefördert. Es war für mich aber ein dauernder Kampf, trotz der Konflikte und Abneigungen Zugehörigkeit zu gestalten. Die Zeiten in denen das gelang, waren einmalig schön aber von kurzer Dauer. Letztendlich blieb das Gefühl, mich dafür aufgerieben zu haben…
    Eine Zugehörigkeit, die sich aus einer mir entgegengebrachten Wertschätzung meiner Person ergibt, ohne dass ich dafür etwas leisten muss, erscheint mir sogar unmöglich. Wenn sie mir tatsächlich einmal begegnet, werde ich misstrauisch und vermute Falschheit und böse Absichten dahinter.

  5. Inga Dragic Oltersdorf

    30. Mai 2013

    Für mich klingt es komisch, Zugehörigkeit als eine Kompetenz zu nennen. Wie kann ein Zustand – sich Aufgehoben, sich als eigenständige Person respektiert und geschätzt zu fühlen – kompetent sein? Wie kann Gemeinschaft wachsen, wenn Konzepte – mit den nötigen Kompetenzen – Voraussetzung dafür sind? Das finde ich seltsam. Ich erlebe mich in Gemeinschaft und Gemeinschaft um mich herum, aus mir heraus, aus dem Leben gegriffen, nicht bestrebt bestimmten Konzepten zu folgen.
    Das eine ist für mich etwas Geschriebens, festgehalten auf einem Papier; das andere ist eben das Leben, meine Erfahrungen, alles was so dazugehört, das kann ein Papier nicht festhalten!

  6. Christiane Windhausen

    5. Juni 2013

    Der Übergang, den wir gerade im Bewusstsein und in der Gesellschaft vollziehen, zeigt sich für mich u.a. darin, dass wir Zugehörigkeit nicht nur einfach ‚erleben‘ (als Zustand), sondern bewusst gestalten können. Aufgehobensein passiv zu erfahren, ist das eine. Nun geht es darum, Zugehörigkeit aktiv anzubieten und Anderen zu ermöglichen – gerade wenn wir eine Führungsaufgabe haben. Damit wird sie zu einer Kompetenz, die wir erlernen, vermitteln, anwenden können. Führung bedeutet für mich, dass ich mich auch für eine bestimmte Qualität von Beziehung und Zusammenarbeit einsetze. Auf der Beziehungsebene ist diese Kompetenz mit konkreten Verhaltensweisen, mit bestimmten Sichtweisen und Handlungen verbunden. Diese Form der Begegnungsfähigkeit lässt sich – gemeinsam mit anderen – durch bewusste Selbstführung entwickeln.

Artikel kommentieren