Ganzwerden – statt Besserwerden

Es gibt Augenblicke in meinem Leben, da bahnt sich unvermittelt eine tiefe Einsicht ins Bewusstsein – und etwas in mir wird für immer geändert. Einer dieser Momente war vor etwa 25 Jahren. Ich war im Rahmen eines Vision-Quests vier Tage lang allein in der Wüste von Death Valley. An einem Morgen weckte mich die Sonne und ich wußte: Bevor ich sterbe werde ich bis in jede Zelle meines Körpers lebendig sein. Und: Je älter ich werde, umso lebendiger werde ich.

Wenn ich heute daran denke, dann staune ich: Damals war ich Anfang dreizig. Und ich wußte, dass es im Leben um lebendig WERDEN geht. Diese innere Gewissheit hat mich nie wieder verlassen. Sie hat mich auf eine Reise geschickt.

Am Anfang dachte ich: Ganz und gar lebendig zu werden bedeutet, mehr von dem zu tun, was ich gut kann. Und alles mit Leidenschaft zu tun. Stimmt – so wurde das Leben intensiver… Aber es wurde auch anstrengender – und weniger lebendig. In unsere Trainings kommen immer mehr Menschen, die sich beim Immer-besser-werden und Ständig-Leistung-bringen tief erschöpft und verloren haben. Immer öfter habe ich festgestellt: Es gibt eine Form der Erschöpfung, die aus nicht gelebtem Leben entsteht. Wir verbrauchen so viel Energie um schambesetzte Gefühle abzuwehren, gefährliche Gedanken in Schach zu halten und die Bedürfnisses unseres Körpers zu ignorieren.

Lebendig werden, das heißt für mich inzwischen GANZWERDEN. Dafür ist es wichtig, sich um das zu kümmern, was uns trennt. Und mich dabei immer wieder verletzbar zu machen. Meine Rüstung schenkt mir zwar Sicherheit, dafür kostet sie mich aber Lebendigkeit.

Im Dezember 2010 sprach Brené Brown bei TED über The Power of Vulnarability – Die Macht der Verletzlichkeit. Diesen Vortrag haben sich 8,5 Millionen (!) Menschen angesehen. Das ist unglaublich und zeigt mir, wie groß unsere Sehnsucht danach ist, nicht mehr besser werden zu müssen, sondern einfach ganz. Über ihren TED-Vortrag Listening to Shame – Auf die Scham hören (2 Jahre später) hat Birgit-Rita Reifferscheidt in unserem Blog geschrieben.

Dr. Brené Brown forscht an der Universität Houston zu einem Konzept, dass sie Wholeheartedness nennt – Leben aus vollem Herzen. Besondere Beachtung schenkt sie dabei der Frage, wie Scham unsere Lebendigkeit verhindert und unsere seelische Widerstandskraft (Resilienz) schwächt.

Ich liebe dieses Wort, dass sich nur so holprig ins Deutsche übersetzen lässt. Es beschreibt sehr gut, was wir als flüssiges Ich bezeichnen. Um Lebendigkeit und Vertrauen in Beziehung zu erleben, braucht es – so Brené Brown – immer wieder die Entscheidung, GANZ auf der Bildfläche zu erscheinen und Die Gaben der Unvollkommenheit mitzubringen.

Für mich ist es vor allem unsere Verletzlichkeit, die uns verbindet. Sie macht das Leben vollkommen und ganz.

5 Kommentare

  1. Kage Martina

    25. April 2013

    Ich bin in einem 5 Monatigen Kurc der sich – Berufswege für Frauen – nennt. Fast alle Frauen sind zwichen 40 und 60 Jahre. Nur eine ist 30 Jahre alt. Jetzt verstehe ich, warum ich dort bin – nachdem ich diesen Beitrag gelesen habe – obwohl ich ihn schon einmal gelesen habe von dir. Die Entscheidung entstand aus einem Traum heraus – und einen Tag später – war ich in diesem Kurc. Ich würde gerne diesen Beitrag heute in der Gruppe vorlesen. Du schreibst immer so Gefühlvolle Beiträge – vorallem so verständlich und bei deinem schreiben – kann es passieren, das eine tiefe Einsicht passiert – eine tolle Gabe. Danke für diesen wundervollen Beitrag.

  2. Kage Martina

    25. April 2013

    Eben sehe ich das du – Birgit-Rita den Beitrag in FB gepostet hast. Das ist ja verückt – das passiert mir nicht zum ersten mal. Ich gehe mit einer Frage – und ganz ganz oft schreibst du oder Christiane, dann die Antwort. Ich muss mal beim Träumen meiner Fragen, die Augen auf machen, ob ihr nicht vielleicht in meinem Zimmer seit. Deshalb – Birgit-Rita – super lieben Dank für`s teilen auf FB.

  3. Christiane Windhausen

    2. Mai 2013

    Liebe Martina, ich habe gerade erste deinen Kommentar gesehen. Es freut mich, dass ein Posting von mir dich zum Teilen bewegt hat… Ich wäre gerne dabei gewesen, als du es vorgelesen hast. Dann hätte ich sicherlich spüren können, wie du andere bewegst. Danke

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