Die Alten geben uns Kraft, die Jungen schenken uns Inspiration

Köln ist meine Heimat. Das ich diesen Satz schreiben kann und darin verwurzelt bin, hat fast 46 Jahre gedauert.

Ja, ich mochte Köln, aber ein Gefühl von Verwurzlung konnte ich nicht spüren. Desto näher mein Schulende rückte, desto stärker hat mich der Wunsch getrieben, bloß weg hier. Damals wußte ich noch nicht, dass es eine Flucht vor mir selbst war. Ich habe an vielen Orten in Europa und auf anderen Kontinenten mein Glück gesucht. Mein Glück habe ich nicht gefunden, dafür aber immer mehr von mir selbst und das hat mich schließlich das Glück finden lassen. Soweit, wie ich von mir weg war, soweit mußte ich zu Beginn meiner Flucht reisen. Australien hieß das Ziel. Erst in der Entfernung konnte ich spüren, wovor ich eigentlich geflüchtet bin. Mein Heimweh bzw. die Dinge, die mir fehlten, ließen mich immer wieder nach Köln zurückkehren. Wie jeder waschechte Kölner bzw. Kölnerin schlug mein Herz höher, wenn ich von weitem die Domtürme sah. Es dauerte, aber nie lange und ich wollte bloß wieder weg.
Mein Vater, auch ein waschechter Kölner, tief verwurzelt mit dieser Stadt, hat in meiner Kindheit, Jugendzeit und auch noch in meinen jungen Erwachsenenjahren es immer wieder geschafft, jedes Gespräch zwischen uns bei seinem Lieblingsthema  Köln enden zu lassen und  unermüdlich versucht mich davon zu überzeugen, dass Köln die schönste Stadt der Welt ist. Ja, ich mochte Köln, aber von dem Titel, die schönste Stadt der Welt, war Köln weit entfernt. Damals habe ich nicht verstanden, dass es emotional die schönste Stadt der Welt für ihn ist .Ich kannte zu dieser Zeit zu wenig von seiner Geschichte und den prägenden Erlebnissen, die ihn mit diese Stadt verbanden. Ich habe immer nach der sichtbaren Schönheit gesucht und nach der kann man, bei aller Objektivität, in Köln nur erfolglos suchen.

Der Platz, an dem ich auf der Reise zu meinen Wurzeln am längsten verweilt habe, war Wien. Wien ist vom Stadtbild her genauso aufgebaut, wie Köln.  Ich habe mich dort schnell heimisch gefüllt. In den fast 6 Jahren, die ich in dieser Stadt gelebt habe, bin ich aus beruflichen Gründen fast alle 6 Wochen nach Deutschland gereist. Auch wenn ich die meiste Zeit in irgendwelchen Seminarhotels gewohnt habe, bin ich doch immer auf dem Hin- oder Rückreise nach Köln gefahren. Durch diesen ständigen Wechsel, konnte ich sehr deutlich wahrnehmen, was ich an Wien so mochte. Ich fand in Wien die äußere Schönhet, die ich in Köln immer vermisst hatte. Während dieser Zeit beschwärmte mein Vater weiterhin Köln, ich beschwärmte Wien.

Ich wohne nun schon 8 Jahre wieder in Köln. Ich habe gelernt Köln durch die Augen meines Vaters zu  erleben. Viele Stunden habe ich mit ihm zusammen gehockt und gefragt, gefragt und nochmals gefragt. Er hat erzählt –  lebendig, berührend und sehr interessant.
Er ist mit mir im Laufe von vielen Gesprächen durch die Zeitgeschichte Kölns gereist. Von der Entstehungszeit, durch Zeiten der Blüte,wie auch Zeiten von bitterer Armut und Verwahrlosung. Köln in der Römerzeit, im Mittelalter, zu Zeiten Napoleons bis hin zu Köln im zweiten Weltkrieg und in der Zeit des Wideraufbaus. Er hat mir die vielen Gesichter Kölns in seiner 2000jährigen Geschichte nahe gebracht.

Dom in der Hand.jpg

Heute kann ich auch sagen, ich liebe die Stadt, in der ich lebe.
Mein Vater hat mir geholfen, die Spur zu meinen Wurzeln zu finden. Wenn mir das einer vor 5 Jahren gesagt hätte, den hätte ich ungläugig angeschaut.

Das Glück wohnt oft außerhalb unserer Vorstellungen.

6 Kommentare

  1. Inga Oltersdorf

    10. Januar 2009

    Und noch ein so schöner Artikel zum Lesen. Das zu lesen, ist wie Geschichtsunterricht. Es könnte für mich noch lange weitergehen, denn es ist interessant aus genau so einer Perspektive etwas über die Herkunftsgeschichte von jemandem zu erfahren.

    Was für Wege und Entfernungen manchmal zurückgelegt werden müssen, um zu der Einsicht zu kommen, dass es nur einen Ort gibt, an dem ich aus meinen Wurzeln heraus wachsen kann. Doch was gleichzeitig auf einer Reise nach der Suche nach sich selbst für Erfahrungen zusammenkommen. Eine unglaubliche Weite entsteht, die es einem erleichtert mal aus der Distanz die eigene Sichtweise anzuschauen. Ich glaube, dass erst die Kombination mich mit meinen Wurzeln tief verbindet. Die Kombination von Entfernung, lässt mich meinen Ursprung sehen. Denn in der Ferne sehe ich oft klarer.

  2. Bärbel Rapp

    10. Januar 2009

    @bärbel

    bei vielen uns von scheint es tatsächlich 4 manchmal auch 6 oder 7 Jahrzehnte zu dauern –
    bis die Zeit reif ist –
    bis der Blick zurück – auf den eigenen Weg und die Geschichte der Familienmitglieder so wohltuend und sinnstiftend gelingen kann…

    sich berühren zu lassen von den Bildern, Geschichten, Erinnerungen der Elterngeneration und sie mit sich selbst und dem eigenen gelebten Weg in Verbindung zu setzen …….

    mein einlassen und hinschauen begann im Sommer 2007. Meine Mutter und ich reisten erstmals gemeinsam zur Ostsee, an die verschiedenen Orte, wo während ihrer Flucht 1945 Schwester, Vater und Großvater gestorben und vergraben waren. Im Sommer 2008 dann „endlich“ für beide zum ersten mal bis in das heute russische Gebiet, wo meine Mutter geboren wurde und ihre ersten 7 Jahre verbrachte.

    Für meine Mutter waren beide Reisen Reisen in die Vergangenheit, durch ihre Erinnerungen hindurch, durch die vorhandenen und nicht mehr vorhandenen Orte und Erlebnisse ihrer Kindheit. Und sie wurden zu Reisen der Gegenwart, wo zwischen Mutter und Tochter Begegnungen und Berührungen in einer ungeahnten Intensität möglich wurden. Achtung, Respekt und ein Nähren der vorhandenen Wurzeln ist seit dem möglich und begleitet uns beide jetzt in die Reise unserer Zukunft.

  3. Christiane Windhausen

    12. Januar 2009

    Ich staune immer wieder über die Wurzel-Kraft deiner Familie. Ich fühle mich in meiner Familie oft eher wie eine Luftgängerin – mit keinen andern Wurzeln, als denen, die ich mir immer wieder selber gebe. Immer wenn du deine Wurzeln mit mir teilst, wachsen meine eigenen…

    Es ist ein großes Geschenk, einen Vater zu haben, der sein eigenes Leben so geschichtlich versteht – und das auch noch besprechen kann. Dein Vater hat uns einen gemeinsamen Tag mit ihm in Köln geschenkt – mit seiner Geschichte und seinem Wissen. Darauf freue ich mich sehr.

  4. Rui

    15. Januar 2009

    Ich bin noch nicht so alt und ich muss sagen, dass ich diesen Beitrag noch nicht ganz nachvollziehen kann. Ich glaube zwar, dass es mit der Zeit wirklich so wird, aber derzeit bin ich noch so, dass ich keine Wurzeln habe. Ich habe auch kein wirkliches Zuhause, denn irgendwie ist die Welt mein Zuhause. Ich bin gespannt, was die Welt für mich noch so zu bieten hat und ob ich in 30 oder 40 Jahren genauso denken werde. Vielleicht habe ich dann auch solche Wurzeln.

  5. Silke Biedka

    19. Januar 2009

    Nun trägst Du Köln, symbolisiert durch den Dom, in Deiner Handinnenfläche. Schöner Könnte ein Bild kaum sprechen. Wunderbar.

  6. Ralf Teichgräber

    27. Januar 2009

    Ich bin ein Kind des Ruhrgebietes – und hatte fast vergessen, wie sich das anfühlt. Ich hatte es nur nach Bayern geschafft und nicht nach Australien, aber immerhin auch 600km zwischen mich und meine Eltern, meine Wurzeln. –
    Als ich nach fast 20 Jahren wieder ins Ruhrgebiet ziehe, und am Tag nach dem Umzug auf einer unbekannten Strecke joggen gehe, kann ich es kaum glauben: Die Umgebung ist grün – wie früher – neben dem See lärmt ein Stahlwerk – wie früher – von Zeit zu Zeit rast ein Zug über die Brücke am See – wie früher – es riecht irgendwie ‚verbrannt’/ein bisschen chemisch – wie früher – die Menschen sind klar und direkt, als ich danach beim Bäcker Brötchen hole. Ein Gefühl von HEIMAT steigt in mir hoch. Nie gekannt, nicht bewusst gefühlt seit mehr als 30 Jahren. Ich lächle, fühle mich sicher und geborgen.

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