Fehler-Kunst

Zum Geburtstag meines Vaters war unsere gesamte Familie in Düsseldorf im Roncalli Apollo Variete. Die Künstler waren alle aussergewöhnlich und alles lief perfekt… Und dann passiert plötzlich ein Flopp. Der ‚italienische‘ Confronsier fiel – von sich selbst unbemerkt – aus seiner Rolle und sprach auf einmal in reinstem Düsseldorfer Slang. Nach drei Sätzen kam er sich selbst auf die Schliche, schlug die Hand vor den Mund und stellte erschrocken fest: Auch du liebe Güte. Jetzt habe ich meinen italienischen Akzent verloren!

Nichts davon war geplant oder einstudiert. Es war einfach ein Fehler. Doch von da an, war der Bann gebrochen. Mit diesem Flopp hat er die Herzen aller Zuschauer erreicht. Immer wieder hat er auf sein Missgeschick angespielt und immer wieder haben wir schallend gelacht. Auf einmal war in einer nahezu perfekten Vorstellung ein menschlicher Augenblick eingefangen.

An diesem Abend habe ich eine völlig neue  Sichtweise auf Fehler gewonnen. Es stimmt schon: When too perfect, God böse. Fehler schenken uns den Zauber des Augenblicks. In einer Zeit, in der es so viele inszenierte, simmulierte und retouchierte Wirklichkeiten gibt, wird der Fehler zum Garanten von Realität. Ich spüre mit jeder Zelle meines Körpers, dass ich live dabei bin… Ich erlebe hautnah mit, wie ein Augenblick aus dem Rahmen fällt und sich als Menschlichkeit entfaltet.

Was ein Glück, dass wir ab uns zu aus unserer Form fallen…

8 Kommentare

  1. Bärbel Rapp

    27. September 2008

    Live dabei sein – Fehlerfreundlichkeit,
    dass passt gerade jetzt gut auch in mein Erleben!
    Meine Tochter hat z.Zt. einen Austauschschüler aus Holland für eine Woche zu Besuch und da er kein Deutsch spricht, bin ich gefordert, mein „Schulenglisch“, dass ich seit Jahren nicht abrufen musste, herauszukramen. Da es mir mittlerweile gut gelingt, mich auch in „fremden“ Sprachen im Kontakt einzulassen, ohne dabei auf Perfektion und Richtigkeit wert zu legen, hat das in den letzten Tagen schon zu viel Heiterkeit geführt. Den Kids zu demonstrieren, dass ich auch nach Worten ringen muss, langsamer sein darf, verbale „Klopfer“ bringe, macht mich auf eine Art unvollkommen und witzig, für die ich mich nicht „schämen“ muss. Und: es ist total schön für mich zu erleben, wie leicht es den 14 jährigen gelingt, in „fremden Sprachen“ miteinander unterwegs zu….

  2. Christiane Windhausen

    27. September 2008

    @ Bärbel
    Mein Vater hat an seinem 60. Geburtstag vor allen Gästen besprochen, dass es das Wichtigste in seinem Leben von seinen vier Kindern gelernt hat. Das konnte er nur, weil er vor uns zu seinen Fehlern gestanden hat und sich für seine Unvollkommenheiten nicht mehr schämen mußte. Ich habe große Achtung vor Eltern, die mit Freude das geniessen, was ihre Kinder besser können als sie. Dann ist es keine Problem mehr, dass wir andere Sprachen sprechen…

  3. Will

    27. September 2008

    @Baerbel: schoenes Beispiel

    Ich erlebe bein Schauspiel immer wieder,dass meine ‚Fehler‘ der Weg zu einer entfesselten Performance sind.Es ist so als ob die Fehler das Leben einladen,weg von der Kunst und dem kuenstlichen und hin zur Reflektion der Realitaet im Spiel.

    oder wie der Musikproduzent Brian Eno schon sagte: ’see your mistakes as hidden intentions.‘ ;o)

  4. Christiane Windhausen

    27. September 2008

    @ Will
    Wow, Brian Eno ist ein ehrlicher und mutiger Mann… Du auch.

  5. Bärbel Rapp

    28. September 2008

    Hallo Will,
    ich find Dich auch ganz schön mutig! Sich mit sich selbst einzulassen und sich wieder selbstvergessend zeigen zu können (von wegen „Fehler“, die gibt es doch gar nicht wirklich!), funktioniert ja meist nur in Räumen, in denen das Gefühl von Sicherheit und Fehlerfreundlichkeit sein kann. Mir gelingt dies am besten im Zusammensein mit Kindern und Jugendlichen, die noch so gänzlich ohne Berechnung, Eigenvorteil und Kontrolle in die Welt blicken. Das dies für Dich auf der „Bühne“ stattfindet, macht Dich für mich zum wahren Künstler!

  6. Inga Oltersdorf

    28. September 2008

    @Will

    Immer wieder tauchen Kommentare von dir auf und ich werde immer neugieriger. Du bist Schauspieler, machst Performance und „Fehler machen“ ist für dich ein Leitfaden, um das Lebendige spielerisch auf der Bühne einzuladen…Ungefähr so!? Es ist bestimmt toll dir zu zuschauen.

  7. Carolyn Eickelkamp

    26. Oktober 2008

    Nur ganz kurz, wir waren auch im Apollo Varieté schon am 19.9.2008! Und der „Fehler” des Conferenciers ist wohl ganz und gar einstudiert! Denn wir haben ihn genauso erlebt wie Sie! Bei aller Zustimmung, die ich grundsätzlich habe, was das Thema „Authentizität” und „Wahrhaftigkeit” angeht, sieht man an diesem Beispiel mal wieder, wie schwer es ist, zwischen Show und Realität zu unterscheiden. Also: Augen und Verstand auf im Erleben!

  8. Christiane Windhausen

    26. Oktober 2008

    @ Carolyn Eickelkamp
    Gestern habe ich Freunden von meinem Variete-Erlebnis erzählt und mein Mann meint: ‚Das klingt wie richtig gut einstudiert…‘ Jetzt weiß ich, dass er Recht hatte. Danke für die Info. Es bestätigt mir allerdings noch einmal mehr, dass Fehler uns menschlich machen und anziehend sind.

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