Tibet 7: Ein Leitbild für Mitmenschlichkeit
Während Wulf uns vorne führt, schützt Dawa, unser nepalesischer Bergführer, das Ende unserer Karawane. Er, dem der Weg am leichtesten fällt, geht Tag für Tag mit denen, die schwach und langsam sind. Die schlichte Mitmenschlichkeit, mit der er das tut, habe ich in Europa bisher bei niemandem erlebt: Es gibt keine überhebliche Abwertung der Schwachen, kein Mitleid mit den Fremden und keine gönnerhafte Toleranz gegenüber den Unerfahrenen. Er ist einfach da. Er macht es für uns ein bisschen leichter – indem er uns mit nichts beschwert…
Eines Abend sage ich zu ihm: ‚Dawa, you are a bodhisattva for the trekking people’. – Im Buddhismus ist ein Bodhisattva ein Mensch, der seine eigene Geschichte vollständig erlöst hat und damit aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ausgeschieden ist. Ein Bodhisattva kehrt freiwillig in den Kreislauf des Lebens zurück, um die zu unterstützen, die für ihren Weg noch Zeit brauchen. – Dawa schaut mich an und antwortet: Yes, that’s what I want to be. Als er das sagte, kann ich spüren, dass dieses Leitbild seiner Religion für ihn ein Ruf ins Dienen ist.
Bei vielen Chinesen, denen wir in Tibet begegnet sind, konnte ich so etwas nicht spüren. In ihnen trifft man auf Funktionalität und Ordnung, aber nicht auf die Kraft des Herzens. Sie haben keinen spirituelles Leitbild für Mitmenschlichkeit mehr. Mit der Kulturrevolution haben sie versucht jegliche Form der Spiritualität auszulöschen. In Tibet ist ihnen das allerdings nicht gelungen. Im Gegenteil: die Okkupation von Tibet (1950) bewirkt inzwischen eine Wiederbelebung des Buddhismus in China.
Kein anderes Flüchtlingsvolk erhält soviel weltweite Unterstützung wie die Tibeter im Exil. Die weltoffene und integrative Haltung des Dalai Lama hat dazu sicherlich beigetragen. Er bewirkt, dass viele Tibeter sich – trotz Ungerechtigkeit, Gewalt und Folter – nicht zu Hass und Feindseligkeit hinreißen lassen. Er ist für viele Menschen inzwischen selber zu einer gelebten Verkörperung von Mitmenschlichkeit geworden.
Ohne Mitmenschlichkeit bleibt Führung ein Machtspiel. Ohne eine Leitbild des Dienens können wir über die Unterschiede der Welt keine Brücke der Mitmenschlichkeit bauen. Dann bleibt dass, was uns trennt, wirksamer als das, was uns verbindet…
Gabriele Ellwanger
14. August 2007
Der spürbare Verlußt der Mitmenschlichkeit in der Führung von Gesundheitsbetrieben in Deutschland ist erschreckend. Privatisierung hat Hochkonjunktur und ist in vielen Fällen ein reines Geldgeschäft, das von der staatlichen Finanzpolitik diktiert wird.
An diesen finanziellen Vorgaben scheitern die zumeist selbt gewählten und kreierten Leitbilder. In der Regel sind in Ihnen immer humanistische Gedanken abgebildet .Doch die Praxis lehrt, wer sich beschwert oder sie einmahnt berührt die Führung peinlich.
Wie gut tut doch der Gedanke, dass es da einst noch etwasgab. Man nannte es Mitmenschlichkeit. Sie war verbunden mit Demut und Dienen.
Doch eigentlich ein Labsaal für jene die der Gesundheitsbetriebe bedürfen oder darin tätig sind. Wir müssen wirklich aufmerksam sein, dass wir Sie nicht aus unserem Wortschatz und unserer Erinnerung verlieren.
Versteht es denn nur noch Dawa am Ende einer Karawane auch Schwächer würdig zu führen?
Christiane Windhausen
16. August 2007
@ Gabriele Ellwanger
Irgendwie bin ich im Augenblick ganz zuversichtlich. Es scheint immer mehr Ärzte und Ärztinnen zu geben, die den Weg der Mitmenschlichkeit gehen. Ich weiß inzwischen von einer ganze Reihe mutiger Heiler, die sich mit eigenen Gesundheits- Heilungskonzepten selbständig machen oder Nischen gefunden haben, in denen sie gegen den Strom schwimmen und wirken können. Überall, wo wir uns verbinden und kombinieren, erhöht sich unsere Wirkkraft. Willkommen im Boot.
Gabriele Ellwanger
17. August 2007
Den Aufbau eines Kontaktes kann ich mir durchaus vorstellen, dann evt. mehr.
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