Sturmfeuer in Köln

Als Kind habe ich öfters den Satz gehört, ihr habt es gut, wachst in Frieden auf. Worthülsen, die ich nicht fühlen konnte. Es klang eher nach Vorwurf, wenn wir Kinder nicht wollten, wie die Erwachsenen. Manchmal hörte ich auch Kriegsgeschichten. Nicht das es mich nicht interessiert hätte, aber auch diese Geschichten klangen leer und ließ es nicht zu mitzufühlen. Ich habe viel gefragt, bin mit kurzen Sätzen abgespeist worden. Das habe ich natürlich als Kind und Jugendlicher nicht verstanden.

In den letzten Wochen habe ich einige innige Abende mit meinem Vater verbracht. Mit großem offenen Herzen und voller Neugier habe ich ihn nach Geschichten gefragt – über unsere Familie – und er hat erzählte und erzählte. Und auf einmal erzählte er über die Nächte – Bombenalarm in Köln. Ich wurde still und stiller, ich konnte jedes Wort fühlen, welches er sprach. Er sprach von den Bombenteppichen, die immer näher kam. Der Dunkelheit in Schutzkellern, den nassen Tüchern vor dem Mund, die ihn als Kind so gut es ging schützten, von den vielen Freunden, die er verloren hat, er erzählte, dass seine Eltern in verschickten in ein Kinderheim im Schwarzwald. Seine unglaubliche Angst, seine Eltern zu verlieren machten es unmöglich ihn dort zu lassen. Und er erzählte und erzählte. Nicht das ich vorher kein Mitgefühl für meinen Vater hätte, aber an diesem Abend öffneten sich auch die letzten verschlossenen Türen in meinem Herzen. Ich fühlte den Ursprung seiner großen Angst.

Vor 2 Tagen strahlte das Fernsehen eine Dokumentation genau über diese Nächte aus – Sturmfeuer hieß der Titel. Alles was mein Vater berichtete wurde hier gezeigt. Unfassbar.

Ich weiß, dass vielen Menschen aus meiner Generation zuviel über diese Zeit berichtet wird. Ich finde, es kann gar nicht genug gezeigt werden.
Ich bin so dankbar, dass die Generation meines Vaters endlich beginnt zu sprechen und vor allen Dingen zu fühlen.

Nur über das Mitfühlen können wir – die Generationen – uns wieder verbinden.

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