Tradition + Fortschritt = Gegenwart

Vor einigen Wochen bekam ich eine Anfrage, ob ich Lust habe mit einer Familie zu arbeiten, deren größter Wunsch es ist, das geschaffene Werk des Vaters friedlich weiterzugeben an den Sohn. Mein Herz schlug höher. Einer meiner größten Wünsche beginnt sich zu erfüllen.

Der Vater hat nach Jahren des Schaffens und der Ignoranz die Türe geöffnet und eingestanden, dass er Unterstützung und das Unternehmen neue Wege braucht. Der Sohn hat für Hilfe gesorgt. Zwischen den beiden: ein Dschungel voller Konflikte. Dass es dabei nicht um Rechthaben geht, haben beide schon erfahren und verstanden.

Der Vater weiß noch nicht, dass es für ihn – nach Jahren des Machens – ums Lassen und Vertrauen geht. Gerade in der Entschleunigung wird er sich und seinen Gefühlen begegnen. Der Sohn weiß noch nicht, dass es ums Verzeihen geht, ein Verzeihen, dass mitten im Herzen entspringt. Um diesen Ort zu erreichen führt der Weg durch alle Gefühle durch – Wut, Angst, Hilflosigkeit, Trauer – bis der Dschungel die Sicht wieder frei gibt.

Nun darf ich diesen Weg begleiten. Ich danke meinen Vater und meiner Mutter, dass ich diesen Weg mit ihnen gehen durfte. Es ist das kostbarste Geschenk in meinem Herzen. Jetzt darf ich es verschenken. Ich habe große Achtung vor dem Vater, weil er in seinem Alter die Tür für Unterstützung öffnet. Ich spüre: er tut es aus Liebe zu seinem Sohn. Der Sohn wurde geboren in den Sechzigern. Aus Liebe zu seinem Vater und zu seinem Werk wird er sich durch den Dschungel bewegen und Verurteilung in Verständnis wandeln.

Unsere Väter MUSSTEN den Beweis angetreten, dass wir Deutsche doch etwas wert sind. Sie haben Deutschland wieder in ein gutes Licht gerückt. Sie haben gearbeitet bis zum Umfallen – für ihre Familie. Sie haben große Imperien geschaffen – den Menschen Arbeit gegeben. Dafür mussten sie alles ignorieren was sie von ihrem Vorhaben hätte abbringen können – alle Formen von Schwäche, Hilflosigkeit, Scham und Angst. So konnten sie Konflikten nur mit Macht begegnet.

Die 68er haben dagegen gehalten – waren bemüht alles aufzudecken, was die ältere Generation ausblenden wollte. Sie kamen nicht mit ihrer Liebe – sie kamen mit ihrer Empörung, mit ihrer Verurteilung. Sie konnten nicht mitfühlend verstehen und kritisieren. Sie haben angeklagt.

Doch der Frieden – den alle suchen – fängt vor der eigenen Türe an. Nur die Liebe heilt. Nur die Liebe ist größer.